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Aktionismus der "Stopp Gats" Woche
Was
verbirgt sich hinter dem "GATS"-Abkommen?
Diese Woche ging
die Aktionswoche "Stopp Gats" zu Ende, bei der österreichweit
mit Podiumsdiskussionen, Informationsveranstaltungen und Aktionistischem
über die Folgen der fortschreitenden Liberalisierung des
Dienstleistungssektors informiert wurde.
Organisiert wurden die rund 3 duzend Veranstaltungen, die laut
Auskunft von Mitorganisator Michel Reimon sehr gut besucht
waren, von Attac Austria, dem ÖGB, ÖH
und der Armutskonferenz, unterstützt von vielen anderen
NGOs und Vereinen wie Südwind, der Aktion kritischer
SchülerInnen, der Volkshilfe Österreich oder
dem Sozialstaatsvolksbegehren. Ziel war eine Sensibilisierung
und Aufklärung über die GATS-Bestimmungen, die Aktionswoche
soll dabei als Auftakt für die nächsten Monate verstanden
werden. Parallel zur Aktionswoche gab es eine E-mail Protestaktion,
bei der europaweit das Bekenntnis der EU-Kommission zur Transparenz
wahrgenommen wurde, um als EU-BürgerInnen Bedenken anlässlich
der Verhandlungen zu äußern, bei denen die Vorschläge
an die WTO zur konkreten Ausgestaltung und Umsetzung der Rahmenbedingungen
zur Liberalisierung von Dienstleistungen, wie sie im GATS festgehalten
sind, ausgearbeitet werden.
Bis Ende März 2003 muss jedes WTO-Mitglied Angebote machen,
welche Dienstleistungsmärkte es öffnen wird, im Herbst
2003 wird die entscheidende WTO-Ministerrunde in Cancún,
Mexiko stattfinden und bis Januar 2005 soll der Vertrag fertig
sein.
Die Protestaktion "Stopp Gats" wurde vor allem in Österreich
sehr stark unterstützt - ein Viertel aller Beschwerden der
EU-Länder kamen aus Österreich. Als "alibimässig"
bezeichnet Michel Reimon von Attac Österreich die Verlängerung
der Beschwerdefrist von Dezember auf 31. Jänner 2003. Am
6. Februar gehen die Vorschläge der EU-Kommission schon ein
erstes Mal an die WTO, dieser Prozess wird Ende März abgeschlossen
sein. "Bleiben also vier Tage Zeit, die Bedenken in den Text
an die WTO einzuarbeiten", so Reimon. Das Problem der kurzen
Fristen zur Einsicht in EU-Verträge und Beschlüsse stellt
sich häufig, da NGOs und Zivilgesellschaftsszene aufgrund
ihrer demokratischen Strukturen nicht in wenigen Tagen reagieren
können und wollen, wie Christiana Weidel, Obfrau von
The World Of NGOs, bestätigte.
Die weltweite Umsetzung und der umfassende Ausbau des Rahmenabkommens
"General Agreement on Trade in Services", kurz GATS,
soll bislang noch nicht privatisierte oder von Nationalstaaten
regulierte Bereiche, zu denen das kommunale Bankenwesen ebenso
als auch Grundversorgungsgüter und -leistungen wie Wasser,
Gesundheit, Bildung, Altersversorgung, öffentlicher Verkehr
etc. gezählt werden, für private Konzerne öffnen.
Die Definition grundsätzlicher Bedürfnisse und Rechte
als "Dienstleistungen", die bislang jedenfalls in den
meisten Industrieländern von staatlichen Monopolen solidarisch
oder zumindest unter gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten
gewährleistet worden sind (und größtenteils noch
werden), war dabei nur ein Schritt auf dem Weg zur "wirtschaftlichen
Deregulierung", die politisches Handeln praktisch unmöglich
machen wird. Es ging dabei um eine Neudefintion von Bereichen,
die zuvor nicht als Handelsgut betrachtet worden sind. Im Besonderen
wurden die öffentlichen Dienste, "Public Services",
die in den Industrieländern zwei Drittel der Wirtschaftsleistung
ausmachen, als profitable Einnahmequelle für Großkonzerne
entdeckt.
Quasi naiv erscheint es unter dem medialen Bombardement von Euphemismen
wie "Standortsicherung", "Sachzwang", "Rationalisierung"
oder der "Verschlankung des Staates" auf die Selbstverständlichkeit
hinzuweisen, dass eine politische Regulierung im Unterschied zu
Einzelinteressen von Privatwirtschaft und Industrie-Lobbies auch
nicht-profitorientierte Ziele wie Umweltschutz, Verteilungspolitik
und soziale Ausgleichsmaßnahmen beinhalten kann. Also auch
etwa die Förderung von Frauen, MigrantInnen, Menschen mit
Krankheiten oder Behinderungen etc. unter Einbeziehung von spezifischen,
regionalen Besonderheiten. Gesetzliche Bestimmungen und Reglements
können zumindest einen "Ausgleich zwischen privatwirtschaftlichen
und öffentlichen Interessen" schaffen, wie auch immer
diese im einzelnen Nationalstaat gelagert sind.
Die Öffnung der Grundversorgungsbereiche für private
Anbieter hingegen bedeuten steigende Preise, schlechtere Qualität
und Umweltverträglichkeit und die Zerstörung der Solidargemeinschaft,
wie das Beispiel England und Bolivien zeigt, wo die Wasserpreise
nach der Privatisierung um 50% bzw. 100 % gestiegen sind, was
schwerwiegende Krisen in der Bevölkerung auslöste.
Um zu verstehen, warum das GATS übernational wirksam und
bindend ist, ist es notwendig, auf den Einfluss und die Mächtigkeit
der WTO, der World Trade Organization, einzugehen. Mit
Gründung der WTO ist auch das GATS-Abkommen in Kraft getreten,
deren Regelungen beim WTO-Schiedsgericht einklagbar sind.
Die WTO ging als neues, völkerrechtlich anerkanntes internationales
Kontrollorgan von umfassenden Verträgen zur "Liberalisierung
des Welthandels" aus der sog. Uruguay-Runde von 1986-94 des
Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT, nicht zu verwechseln!)
hervor. Die Regierungen der Mitgliedstaaten - derzeit sind es
144 und an die 30 Kandidatenstaaten, vor allem sog. Entwicklungsländer
- müssen alle nationalen Gesetze und bilateralen Abkommen
in Einklang mit den WTO-Regeln bringen.
Die Schiedssprüche der WTO sind verbindlich, oder wie auf
der Greenpeace Seite
hier nachzulesen ist: WTO-Recht bricht jedes andere Recht, auch
wenn es um Gesundheitsstandards, Verbraucherschutz und Umweltrichtlinien
geht. Das WTO-Schiedsgericht ist mit Wirtschaftsexperten besetzt,
für die einzig die Regeln des Freihandels von Relevanz sind.
Kritisiert wird auch, dass es keine Gewaltenteilung, keine demokratische
Kontrolle gibt.
Im Unterschied zum Allgemeinen Zoll- und Freihandelsabkommen (GATT),
das nach dem zweiten Weltkrieg gemeinsam mit dem Internationalen
Währungsfond (IWF) und der Weltbank zur Regulierung des Weltmarktes
gegründet wurde, beschränkt sich die Tätigkeit
der WTO nicht nur auf den Handel mit Waren und Gütern sondern
umschließt auch Dienstleistungen und "geistiges Eigentum".
Letzteres
wurde durch ein weiters Abkommen, das TRIPS (Trade Related Aspects
Of Intellectual Property Rights), welches das Patentieren von
Saatgut- und Pflanzensorten miteinschließt, abgesichert,
worunter besonders die Länder des Südens zu leiden haben,
wie Etelka
Steiner auf Ceiberweiber.at ausgeführt hat.
Das Paradigma der Liberalisierung und der Ideologie des "freien
Marktes" lautet seit dem 19. Jahrhundert: Produkte tauschen,
die wechselseitig kostengünstiger produziert werden können,
"komparativer Kostenvorteil" durch das Abbauen von Importbeschränkungen
und Handelsbarrieren. Dieses Theorem gilt nach wie vor, wenn nationalstaatliche
Regulierungen bestimmter alter und "neuer" Wirtschaftssektoren,
wie eben gesellschaftliche Grundversorgungsbereiche, als "handelshemmend"
interpretiert werden.
Die GATS-Mitglieder müssen Standards in Bezug auf Gesundheit,
Umwelt, Bildung etc. einem "Notwendigkeitstest" unterziehen.
Die öffentlichen Dienste sind zwar vom GATS ausgenommen,
aber nur, wie die Aktion Stopp Gats! auf ihrer Homepage
ausführt, wenn sie weder im Wettbewerb, noch auf kommerzieller
Basis erbracht werden. Das ist jedoch bei den meisten Bereichen
zumindest teilweise der Fall: "Sind Studiengebühren,
Rezeptgebühren und Zugtickets nicht etwa eine kommerzielle
Basis?"
O
camina a Cancun!
Bei
der nächsten WTO Ministerkonferenz vom 10.9. bis 14.9. 2003
in Cancun, Mexiko soll die entscheidende Etappe bei der Ausgestaltung
der GATS verhandelt werden. Für die Länder des Südens
stellen sich die Probleme der Grundversorgung, die aus den Sparprogrammen
der Regierungen und der Öffnung der Finanzmärkte unter
dem Diktat der Strukturanpassungsprogramme (SAPs) von IWF und
Weltbank resultieren, in einer weitaus verschärfteren Dimension.
Das gemeinsame Ziel der Antiglobalisierungsbewegung der Länder
des Südens und des Nordens ist deshalb, die WTO von ihrem
Kurs abzubringen.
Am
3. World Social Forum der letzten Woche in Porto Alegre,
Brasilien wurde auch eine Mobilisierung nach Cancún von
mexikanischen Organisationen und NGOs sowie aus den Umländern
vorbereitet. Auf dem Gegengipfel zum Weltwirtschaftforum in Davos
in der Schweiz (32. World Economic Forum, WEF) beratschlagten
die rund 100.000 TeilnehmerInnen und Organisationen aus 156 Staaten
über Alternativen zur Politik von WTO, IWF und Weltbank.
Wie Christian Felber in einer Attac-Presseaussendung beschreibt,
waren als Themen eine Neugestaltung der globalen Finanzmärkte,
ein faires Welthandelssystem und der Schutz der gemeinsamen Güter
Luft, Wasser, Boden, Saatgut und Gene durch private Konzerne präsent.
Dass dabei diejenigen, die wahrscheinlich die interessanteste
antikapitalistische Kritik äußern könnten, nicht
vertreten waren, weil sie sich eine Reise nach Brasilien nicht
leisten können und auf dem riesigen Forum trotz Dominanz
von größeren NGOs, regierungsfreundlicher Organisationen
und Gewerkschaften ein bunter und reger Austausch stattgefunden
hat, ist hier in einem erfrischenden Kommentar in der Jungen
Welt nachzulesen.
2004 soll das 4. Weltsozialforum ("Asienforum") in Neu
Dehli in Indien stattfinden. Nach Cancùn werden wahrscheinlich
nicht so viele AktivistInnen fahren, aber es gibt Pläne,
lokale Aktionen zu starten um weltweit auf die Regierungen Druck
auszuüben. Der entscheidende Punkt ist nämlich, dass
es sehr wohl in der Gestaltung der Staaten liegt, wie die Rahmenbedingungen
des GATS jeweils umgesetzt werden und welche Bereiche sie dem
vertraglichen Rahmenwerk unterordnen.
Text: Petra
Hübl
Fotos: Attac
Austria
°Weltsozialforum-Seite
°Positive
Bilanz von Porto Alegre in der Jungen Welt
°Bilanz auf französisch: Le
Courrier