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Europäisches Sozialforum in Florenz

von Petra Hübl

Vom 7. - 11. November fand in Florenz das erste Mal eine europäische Grossveranstaltung der etwas unglücklich, weil unpräzise, als "Globalisierungsgegner" bekannten Sozialbewegungen statt.
Konzept und Idee dieser Veranstaltung war, die vom World Social Forum in Porte Alegre (Brasilien) bekannte Fülle an Workshops und Konferenzen, bei denen auch international bekannte "Stars" antikapitalistischer Kritik kamen, jeweils auch auf den einzelnen Kontinenten als regionale Foren zu veranstalten.
Ziel war neben der Vernetzung von hunderten verschiedenen NGOs, Bewegungen, Initiativen und gewerkschaftlichen Organisationen (neuerdings auch politischen Parteien), die an messeartigen Ständen Info und Diskussion anboten, auch die gemeinsame Erarbeitung einer sozialen Grundrechtscharta für Europa.

"Un altra Europa è possible - contro il neoliberismo, la guerra e il razzismo" - für ein anderes Europa, gegen Neoliberalismus, Krieg und Rassismus" war das Motto der Konferenzreihe, das auch auf dem "Fortezza da Basso" prangte, durch dessen gewaltiges Burgtor als eine Art Nadelöhr die rund 60 000 TeilnehmerInnen ein-und ausgingen.

Das Angebot an Vorträgen war dabei ebenso zahlreich wie verstreut: Verschiedenen (selbstverständlich subjektiven und selektiven) Berichten zufolge wechselten sich Höhepunkte mit eher langweiligeren, weil mehr politisch-rhetorisch als inhaltlich gehaltvollen Vorträgen ab. So begeisterte Vandana Shiva, die indische Öko-feministin und mittlerweile viel verehrte Kämpferin gegen das US-Patentesystem auf Leben bzw. Saatgut spürbar den vollbesetzten Saal, obwohl sie nicht viel mehr sagte, als auch in ihren Büchern (der Klassiker mit Maria Mies: Ökofeminismus, 1993) nachzulesen ist, durch einen überzeugenden, mitreissenden Redestil.

Auch das "Lateinamerika-" und das "Asienforum" erregte grosses Interesse, ebenso wie der Vortrag zu Europa, UNO und NATO der italienischen Journalistin Rossana Rossanda, Autorin von Verabredungen zum Jahrhundertende (1995) gemeinsam mit Pietro Ingrao über die Veränderungen des Kapitalismus und die Krise der Linken - und Gründerin der Tageszeitung "Manifesto". Auch zu Samir Armin, dem in Kairo geborenen französischen Entwicklungstheoretiker ("Akkumulation auf Weltebene", 1970) pilgerten viele Interessierte. Die Vorträge wurden übrigens fast durchgehend in verschiedene Sprachen simultan übersetzt. Von JournalistInnen belagert wurden dann sowohl italienische Gewerkschaftsprominenz ebenso wie der französische Aktivist und Kleinbauernvertreter José Bové, der ob seiner Kritik an der industriellen Nahrungsmittelproduktion, am "Schlechtessen - Malbouffe", wegen Mac Donalds Vandalismus und anderer spektakulärer Aktionen bekannt wurde (1998 mit Francois Dufour erschien: Die Welt ist keine Ware. Bauern gegen Agromultis).

Als weniger gelungen, weil einseitig dogmatisch und wenig sensibilisiert wurden einige Vorträge zum Thema "Palästina und Israel" empfunden, was angesichts dieses grossen Konfliktstoffes in der Linken doch ein wenig verwunderlich ist. Auch manche Grossveranstaltungen, wie eine zum Thema "Alternativen zum Kapitalismus", die sehr allgemeine, emotional aufpeitschende Reden über "die Arbeiter" und "die Revolution" zum Inhalt hatten, begeisterten zwar das jugendliche Publikum und verbreiteten eine eher angenehme Stimmung, liessen aber wenig Rückschlüsse auf mögliche Alternativen zu.

Österreichische RednerInnen gab es auch: In einem Forum "Die Rolle der Religionen in der Kritik an der Globalisierung" sprach Gertrud Knoll, "Jugend für eine geeinte Welt" und Walter Baier veranstalteten den Workshop "intercultural exchange", auch vom österreichischen Widerstandsarchiv, ÖH, GPA und Attac gab es Veranstaltungen. Von österreichischer TeilnehmerInnenseite reisten viele in einem von Gewerkschaften, Attac, ÖH und verschiedenen Organisationen organisierten Zug an, die meisten wurden in Massenquartieren untergebracht, in Turnsälen, Spitälern uä.


In Florenz wurden die österreichischen Ankömmlinge von Flugblättern empfangen, auf denen die florentinische Kulturstadträtin über Fehlinformationen in den Medien aufklärte: Es hätte das Gerücht gegeben, dass alle Museen geschlossen seien und die Stadt verbarrikadiert, tatsächlich aber seien die TeilnehmerInnen des Social Forum herzlich willkommen und bekämen Touri-Rabatt. Im Gegensatz zu den eher seltenen in den Medien hochgespielten mit Spanplatten übernagelten Boutiquen der Innenstadt waren in unzählig mehr Schaufenstern von geöffneten Geschäften das Social Forum Schild "Firence città aperta" zu sehen.

Dass aber dennoch viele Touristinnen und Touristen sich offenbar in diesen Tagen nicht auf die Strassen trauten und Florenz wohl ein wenig auch eine "città divisa" ist, war daran zu erkennen, dass die einschlägigen Plätze und Touristenattraktionen am Sonntag einen Tag nach der das Forum abschliessenden Grossdemonstration (1 Mio Menschen) um einiges zahlreicher bevölkert waren.

Zwei Tage lang war auch auf CNN von den Befürchtungen um die "italian city full of rennaissance treasures" zu hören. Den Schätzen ist nichts geschehen, dafür erzählte uns eine Aktivistin von der italienischen Vernetzungs-NGO Lilliput, die für die Konferenz mit der Stadtverwaltung verhandelten, dass Florenz eine der umtriebigsten und engagiertesten Städte des Nordens sei. Lilliput möchte die globalisierungskritischen Vereine, Gewerkschaften und NGOs in Italien vernetzen und organisiert auch verschiedene Veranstaltungen. Gerade, was das europäische Sozialforum betraf, seien in Florenz im Vorfeld die Meinungen geteilt gewesen: Angst sei über die Medien geschürt worden, mit dem Schreckensbild einer verwüsteten Stadt und eines "zweiten Genua". "Auch jetzt sitzen wahrscheinlich viele zu Hause und verschanzen sich dort", meinte die Mitarbeiterin von Lilliput. Auf die Konferenz seien aber viele Menschen gekommen, die zuvor den Bewegungen misstrauisch gegenüber gestanden wären - und begeistert gewesen. Deshalb hoffte Lilliput sehr, dass die Demonstration ohne unangenehme Zwischenfälle vor sich gehen werde, denn "dann ist das Forum ein voller Erfolg".

Wir trafen auch auf die bekannte ursprünglich französische, mittlerweile internationale "Arbeitslosen Organisation", Euromarches. Das Netzwerk der Euromärsche entstand Mitte der 90-er Jahre als "schlagkräftige Antwort auf die neoliberale Offensive", wie auf der Homepage auch auf deutsch nachzulesen ist. Ziel der Vernetzung von Organisationen, Gewerkschaften und politischen Initiativen europaweit ist "die Sackgasse Massenarbeitlosigkeit zu verlassen". Euromarches weist auf die 20 Mio Arbeitlose und 60 Mio prekär Beschäftigte in Europa hin. Vor allem letztere, die ohne Absicherung und soziales Netz aus dem Arbeitrecht fallen und deshalb der Willkür der Unternehmen besonders ausgesetzt sind, werden von der Politik, aber auch von den Gewerkschaften ignoriert, die erst langsam begonnen haben, sich auch dieser anwachsenden "Klientel" anzunehmen. 1997 gab es erstmals gemeinsame Märsche aus allen Ländern Europas sternförmig nach Amsterdam mit anschliessender Konferenz.

Auch die türkische, kurdische und griechische Initiative für ein social forum und die verschiedenen Organisationen, die dahinter stehen sowie das italienische Consorzio Italiano di Solidarietà, die vor allem im Balkanraum viele Projekte auf die Beine gestellt hat, gaben uns Auskunft über ihre Aktivitäten. So etwa die "Mothers for Peace" vom Istanbul Social Forum, die ähnlich wie die berühmten Madres de Plaza de Mayo aus Argentinien gegen den Raub ihrer Kinder für die Armee, aber auch für Frauenrechte eintreten. Das Consortzio Italiano di Solidarietà ist seit dem Ausbrechen des Bürgerkriegs in Yugoslawien Anfang der 90-er Jahre tätig und unterstützt und vernetzt verschiedene Initiativen in Bosien, Serbien, aber auch Albanien, bietet konkrete Hilfe für Flüchtlinge an und kämpft für das Asylrecht in Italien. Auch die International Socialists hatten uns einiges zu erzählen. Eine für die Linke doch etwas ungewöhnliche Mischung ist, wie auf ihrer Page zu finden ist, die Berufung auf Marx, Lenin und Trotzky. Unter den britischen AktivistInnen, mit denen wir sprachen, waren die meisten auch aktiv in Gewerkschaften und waren der Ansicht, "that capitalism produces poverty, racism, famine, environmental catastrophe and war. By getting involved in struggles big and small, we aim to build with others a society where we all have control over our lives."

Text: Petra Hübl

weitere links:

www.attac-austria.org

www.gpa.at


www.noborder.org

www.oeh.at

www.fse-esf.org


 

 


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