10 Begriffe warten auf eine neue Definition


10 zentrale Begriffe der Terminologie für die Zivilgesellschaft in Europa und ihre Bedeutungsinhalte wurden im Rahmen einer Debatte im Projekts „Civil Society in 2010“ *eingehend diskutiert und zivilgesellschaftlichen AkteurInnen in den neuen Mitgliedsländern zur Übersetzung und Erklärung in ihrer Landessprache vorgelegt. Die Ergebnisse wurden in einem Glossar festgehalten, angelehnt an die Übersetzung von „100 Begriffen zur *Chancengleichheit“ der Europäischen Kommission.
Das Glossar bildet eine Ausgangslage für Definitionen, die in den nächsten Jahren resultieren sollen. Denn wie z. B. Paul Bater (civil-society-glossary-project, UK) betont, ist das unterschiedliche Verständnis nicht zu unterschätzen, das die Begriffe in unterschiedlichen Kulturen hervorruft. Einer Unterscheidung bedarf es im juristischen und im volkstümlichen Gebrauch, wie sich im englischen Begriff „charity“ oder innerhalb des deutschen Sprachraums am Begriff der „Gemeinnützigkeit“ deutlich zeigt:
„It is also necessary to take into account that particular terms can vary in meaning according to whether they are used in a popular or a legal context. For example, the term ‘charity’ means one thing to a lawyer and something different to a member of the public. Moreover, the legal meaning of charity varies according to the legal system of the country where it is used“.
Dennoch ist es lohnend, im Vorfeld des „civil dialogue“, des Dialogs mit der Zivilgesellschaft, das Spannungsfeld einer gemeinsamen Terminologie der alten, neuen und zukünftigen EU-Länder zu beleuchten. Denn die Kooperationen von CSO/NGOs und die Forderung der „neuen“ EU nach Partizipation der Zivilgesellschaft erleben soeben durch die rasante Entwicklung des Internets und seiner Dienste eine Blüte, die eine klare und einfache Sprache als Basis schätzen wird.

Glossar

Kleines Lexikon für die Begriffe der Zivilgesellschaft

1. Zivilgesellschaft

Historisch wurzelt dieser faszinierende Begriff im Aufklärungsgedanken des 18. Jhdts. Im weiten Sinn steht „Zivilgesellschaft“ unter Rahmenbedingungen des Friedens, eingeschränkter Regierungsgewalt, sozialen Wohlstands und basisdemokratischer Ansätze für Prozesse gesellschaftlicher, politischer und kultureller Restrukturierung. Als Ziele der Aktivitäten gilt es, demokratische Partizipation, Freiheit des Individuums, Chancengleichheit und Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation zu fördern bzw. einzurichten. Man kann den Begriff auch als Gesamtheit der AkteurInnen des Dritten Sektors verstehen, einschließlich ihrer Interaktionen in Netzwerken. Diese sind durch Gewaltlosigkeit, Willen zur Selbstorganisation und Selbstreflexion sowie Engagement, Dynamik und Innovation gekennzeichnet.

Linktipp:
Zivilgesellschaft in der EU:
europa.eu.int/comm/civil_society/index_de.htm


2. CSO
Organisationen, die Mitbestimmung der BürgerInnen am politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozess in den Mittelpunkt stellen, werden als „civil society organisation“ (CSO) bezeichnet. Eine CSO benötigt im Gegensatz zum Verein keine rechtliche Form. Jede Ansammlung engagierter Personen kann sich CSO nennen, sofern sie Ziele zum Wohle der Allgemeinheit verfolgt. CSOs positionieren sich nicht in Opposition, wie NGOs oder NPOs, sondern in Bezug zur Zielgruppe der Begünstigten.

Linktipps
Tribüne der europäischen Zivilgesellschaft:
www.forum-civil-society.org/ej-de


3. NGO
Nongovernmental organisation (NGO) bzw. Nichtregierungsorganisation (NRO) - eine bewusst in Opposition oder zur Ergänzung staatlicher Verantwortung gegründete Gesellschaftsform. Reagiert auf gesellschaftlichen Bedarf bei Problemen und beansprucht gesellschaftliche Kontrollfunktion.
Für bestimmte Bereiche übernehmen diese Organisationen eine begrenzte, in der Summe aber entscheidende, Verantwortung für das Allgemeinwohl. Ihr meist unmittelbarer Zugang zu Betroffenen und Beteiligten schafft Expertise, Know-how und Stärke in der Interessenvertretung benachteiligter Personengruppen oder thematischen Missionen wie Menschenrechte, Umweltschutz, Entwicklungszusammenarbeit, etc.

Linktipps:
Was ist eine NGO für die Vereinten Nationen?
www.un.org/dpi/ngosection/gerbro.htm
Und für die Europäische Kommisison?
europa.eu.int/comm/secretariat_general/sgc/ong/index_de.htm


4. NPO
Die Nonprofit-Organisation oder amerikanisch: not-for-profit Organisation (NPO) verfolgt keine wirtschaftlichen Ziele, muss aber nicht explizit das Wohl der Menschen verfolgen. Auf privater Ebene definiert sie sich in Abgrenzung zur profit-orientierten Marktwirtschaft, im öffentlichen Bereich ist sie eher als „Gemeinwirtschaft“ bekannt. In jedem Fall stellen NPOs wichtige AkteurInnen der Sozialwirtschaft dar, die den gesellschaftlichen Profit suchen und den Wert der sozialen Leistung betonen.

Linktipp:
NPO-Forschung an der Wirtschaftsuniversität Wien:
www.wu-wien.ac.at/npo


5. Dritter Sektor
Hier positionieren sich private Organisationen und Zivilgesellschaft in Abgrenzung zu Staat (‚Erster Sektor’) und profitorientierter Marktwirtschaft (‚Zweiter Sektor’). Sie sind analog zu Unternehmen privat tätig, erstellen jedoch wie der Staat Güter und Leistungen im öffentlichen Interesse.” (Etzioni 1973).
Eigentlich ist er ein „dazwischen liegender“, intermediärer Sektor. Der Begriff ist dynamisch zu betrachten, mit Überschneidungen und Entwicklungen. Zu den Organisationsformen zählen Vereine, Stiftungen, Genossenschaften und Gegenseitigkeits-Gesellschaften.

Laut Anheier (1999) positioniert sich hier eine Organisation durch folgende fünf Merkmale:
1. Formelle Struktur
2. Unabhängigkeit vom Staat
3. Keine Gewinnorientierung
4. Eigenständige Verwaltung
5. Keine Zwangsverpflichtung

Der Begriff schließt gemeinnützige und nicht-gemeinnützige Organisationen wie Wirtschaftsverbände, Skatvereine, Hilfs- und Umweltorganisationen etc. gleichermaßen mit ein. Auch nicht-formelle Organisationsformen, wie BürgerInnen-Initiativen sind hier angesiedelt. Der Dritte Sektor wird als Alternative zur staatlichen Wohlfahrts-Produktion gesehen (Anheier 2000).

Linktipps:
Mailingliste H-Dritter Sektor, elektronisches Forum für Fachleute des Dritten Sektors:
www.dritter-sektor.de
Maecenata Institut, Dritter-Sektor Forschung:
www.maecenata.de


6. Sozialwirtschaft
Beim Begriff der Sozialwirtschaft weichen Definitionen in Europa noch oft voneinander ab. Zwei Ansätze lassen sich unterscheiden: Die Europäische Kommission definiert Sozialwirtschaft nach der von den betreffenden Unternehmen angenommenen Rechtsform mit nonprofit-Ausrichtung, wie Vereine, Genossenschaften, Gegenseitigkeits-Gesellschaften und Stiftungen. Demgegenüber steht die Definition in Abhängigkeit vom Gegenstand der Tätigkeit, z.B. Reparaturdienste durch Arbeitslose zur Reintegration in den Arbeitsmarkt, also zu sozialen Zwecken. In Österreich wurde das Thema Sozialwirtschaft erst durch den Schwerpunkt im EU-Gemeinschaftsprogramm EQUAL für die Öffentlichkeit sichtbar.

Linktipps:
CEP-CMAF, die ständige Europäische Konferenz der Organisationen der Sozialwirtschaft:
www.cepcmaf.org
Netz für die Sozialwirtschaft in Deutschland:
www.socialnet.de
Imagekampagne für Sozialwirtschaft in Österreich:
www.sowiso.at


7. Demokratie
Demokratie ist ein politisches System und ermöglicht strukturell die Teilnahme der BürgerInnen an allen politischen Prozessen.
Sie wird meist umgesetzt als ‚Repräsentative Demokratie’ durch Bildung eines Parlaments, welches das Volk repräsentieren und für die BürgerInnen die maßgeblichen politischen Entscheidungen treffen soll.
In der ‚Direkten Demokratie’ hingegen werden die BürgerInnen in die Gesetzgebung durch Volksentscheid eingebunden: das Instrumentarium: partizipative Planungs- und Entscheidungsverfahren, Volksbefragung, Volksabstimmung, Petitionen, BürgerInnen-Initiativen, etc.
Die ‚Partizipatorische Demokratie’ schließlich will politische Mitwirkung möglichst vieler in möglichst vielen Bereichen. Zentrale Anliegen sind dabei die erzieherische Funktion der Demokratie, öffentliche Willensbildung und Aufbau einer Zivilgesellschaft. Solch „alternative Demokratietheorien“ werden in der Praxis jedoch erst in Ansätzen umgesetzt.

Linktipps:
Wiener Demokratiezentrum:
www.demokratiezentrum.org
Demokratie erklärt von Wikipedia, der freien Enzyklopädie:
de.wikipedia.org



8. Partizipation
"Wie gut die Politik der Union ist, hängt davon ab, inwieweit die AkteurInnen in den Politikgestaltungsprozess - von der Konzipierung bis hin zur Durchführung - einbezogen werden" (Weißbuch ‚Europäisch Regieren’, 2004).
Die Europäische Kommission hat sich bei der Entwicklung und Durchführung der EU-Politik zu einem "einschließenden" Konzept verpflichtet und konsultiert bei politischen Initiativen möglichst umfassend. Kritische Punkte für Konsultationen mit der Zivilgesellschaft bleibt der Konsultationszeitraum, er darf nicht zu lange sein um rasche Entscheidungen zu finden, aber gemeinsame Entscheidungen der Organisationen benötigen viel Zeit …

Linktipps:
Maecenata Institut, Dritter-Sektor Forschung
www.maecenata.de
Mailingliste H-Dritter Sektor, elektronisches Forum für Fachleute des Dritten Sektors
www.dritter-sektor.de


9. BürgerInnenbeteiligung

Die bewusste Beteiligung von BürgerInnen an Prozessen und Entscheidungen zielt auf Interessenausgleich in einer Gemeinschaft ab. Von den Beteiligten wird erwartet, dass sie sich sachkundig machen, bevor sie Entscheidungen treffen. Fehlt ausreichende Information und Wissen dazu, müssen relevanten Informationen zur Verfügung gestellt werden.
Was ein konsequenter Beteiligungsansatz bewirken kann, zeigt die brasilianische Millionenstadt Porto Alegre: seit mehr als 10 Jahren wird der kommunale Haushalt hier gemeinsam mit den BürgerInnen aufgestellt. Mit großem Erfolg: Die Korruption wurde massiv eingedämmt, die Infrastruktur hat sich erheblich verbessert und die Identifikation mit der Stadt hat sich bei allen Beteiligten erhöht. Porto Alegre, ausgezeichnet von der UNO für "good governance", macht Schule - nicht nur in Brasilien!

Linktipps:
Das Modell BürgerInnen-Haushalt in Porto Alegre:
www.portoalegre.rs.gov.br
CIVICUS, Internationale Allianz für die Beteiligung von BürgerInnen:
www.civicus.org


10. Terminologie
Begriffe beschreiben das System, in deren Ordnung sie gelten. Sie sind damit immer auch Ausdruck bestehender Strukturen. Erst wenn die zugrunde liegende Ordnung einen Wandel vollzogen hat, ist eine Reform der Begriffe denkbar und sinnvoll.
Als Terminologie bezeichnet man die Gesamtheit aller Begriffe und Benennungen (Termini) einer Fachsprache, bzw. die Fachsprache selbst. Sie unterscheidet sich von der Umgangssprache in erster Linie dadurch, dass ihre Begriffe eindeutig sind und innerhalb des betreffenden Faches gelten. Diese Fachsprachen werden von anderen meistens nicht verstanden (Fach- und Fremdwörter), sie entwickeln sich entlang spezieller Situationen, die Fachfremden nicht bekannt sind.
Viele Fachsprachen entwickeln sich ungeheuer rasch, auch kommen immer mehr englische Fachwörter zum Tragen.
Die Fachsprache der Europäischen Union wurde mit den Strukturen und Verfahren supranational über die der Nationalstaaten gestellt. Die unterschiedliche Tradition in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft der Nationalstaaten wirken jedoch innerhalb des Staatenbundes weiter. Wie eng oder umfassend muss nun eine europäische Terminologie der Zivilgesellschaft sein?

Linktipps:
Internationales Zentrum für Terminologie in Wien:
www.infoterm.org
CIVICUS, Internationale Allianz für die Beteiligung von BürgerInnen:
www.civicus.org

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